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Kapitel 9 – Schatten und Funken

  Im Anwesen des Hauses Weisglut brannten nur wenige Kerzen.

  Die Flammen zitterten, als würden sie Angst empfinden. Nicht dieses harmlose Flackern, das Kerzen in Zugluft haben, sondern ein nerv?ses Zittern, als müsste selbst Feuer überlegen, ob es hier bleiben darf.

  Die Luft roch nach altem Wachs, kaltem Stein und etwas Metallischem – wie Regen auf Eisen. Jeder Atemzug schien dicker zu sein, als er sollte, als würde der Raum selbst entscheiden, wie viel Sauerstoff man verdienen muss. Die Stille war nicht leer. Sie war gespannt, wie ein Draht kurz vor dem Rei?en.

  Auf dem Schreibtisch türmten sich alte Bücher, Pergamentrollen, Apparaturen aus Runenstein. Manche Werkzeuge waren so fein gearbeitet, dass sie eher wie Kunst wirkten – und gleichzeitig so kalt, dass man sich instinktiv fragte, wofür sie gedacht waren. Zwischen all dem lag ein einzelnes Blatt.

  Der Bericht des Spions.

  Sauberes Papier. Nüchterne Schrift. Als h?tte jemand bewusst vermieden, Angst zwischen die Zeilen zu legen.

  Gustav Bernard von Weisglut strich langsam mit den Fingern darüber.

  Sein Blick war kalt. Berechnend.

  Er las nicht wie ein Mensch, der Informationen sucht. Er las wie jemand, der Besitz prüft.

  ?Schwanger…“ murmelte er.

  Die Pause danach war nicht überrascht. Sie war absch?tzend.

  ?Von einem Bauern.“

  Ein ver?chtliches Schnauben.

  Der Bericht war deutlich genug, um ihn zu reizen: Valeria hielt sich seit Wochen zurück. Heilung nach dem Schrein-Eichenwald. Ein seltsames Ereignis, über das selbst der Spion nur in vorsichtigen Worten schrieb. Danach Ruhe. Rückzug. Wolfsklaue hatte sich in ein Anwesen au?erhalb einer kleinen Stadt zurückgezogen. Und vor allem: Sie waren nicht st?ndig vollst?ndig.

  Krent Ingrid und Diamant Flimmer – beide h?ufig au?er Haus. Anf?nger begleiten. Kleinere Dungeons sichern. Routineeins?tze.

  Aus Sicht eines Spions: Fenster.

  Aus Sicht Gustavs: ein Muster, das man ausnutzen kann.

  Er lie? den Blick über die letzten Zeilen gleiten. Dort, wo der Spion knapp notiert hatte, wann das Tor ge?ffnet wurde, wie oft Rubin das Haus verlie? – und wie selten.

  Rubin Flimmer blieb.

  Das Kind blieb.

  Und Valeria blieb.

  Gustavs Aura füllte den Raum von selbst. Schwer. Erdrückend. Ein unsichtbares Gewicht, das die Luft dicker machte. Nicht einmal b?sartig im üblichen Sinne – eher wie ein Naturgesetz:

  Du bist klein. Du geh?rst mir.

  Hinter ihm stand der Butler, reglos, den Kopf gesenkt. Niemand im Haus Weisglut hielt es lange in Gustavs N?he aus. Selbst wenn Gustav seine Pr?senz nicht absichtlich freisetzte, schnürte sie einem die Kehle zu. Der Butler hatte gelernt, das Zittern seiner Finger in die N?hte seines Mantels zu pressen, damit niemand es sah.

  ?Sie lebt also wie… was?“ Gustav bl?tterte den Bericht um, als k?nnte die Rückseite eine Entschuldigung liefern. ?Wie ein Mensch.“

  Der Butler sagte nichts.

  Er wusste: W?rter waren gef?hrlich. Nicht, weil Gustav ausraste. Sondern weil er nicht musste.

  ?Und Ingrid spielt den Helden.“ Gustav sprach den Namen aus, als w?re er Schmutz. ?Iridium, Orichalcum… was spielt es für eine Rolle.“

  Er hob das Blatt, lie? es leicht gegen das Kerzenlicht kippen. Die Schrift blieb nüchtern. Der Inhalt nicht.

  ?Ein Bauer bleibt ein Bauer.“

  Langsam trat Gustav ans Fenster. Das Glas spiegelte seine Silhouette: hochgewachsen, makellos gekleidet, die Haare sauber zurückgek?mmt. Ein Mann, der aussah, als geh?rte ihm jeder Raum, den er betrat.

  Doch die Spiegelung zeigte auch, was wirklich in diesem Zimmer lebte.

  Runen, tief in die W?nde gebrannt. Alte Symbole, manche l?ngst verboten. Manche so alt, dass die Akademie sie nicht einmal mehr als ?gef?hrlich“ klassifizierte, weil sie nur noch als Legenden galten.

  Bei Weisglut waren Legenden Werkzeuge.

  Die Runen waren nicht Dekoration. Sie atmeten. Sie reagierten. Wenn Gustav zu nah kam, knisterte der Runenstein leise, und die Kerzenflammen zuckten, als würden sie den Blick abwenden. Die Temperatur sank nicht wie Wetter – sie sank wie Hoffnung.

  ?Meine Valeria…“ Seine Stimme war bitter, beinahe wehmütig.

  Fast.

  ?So klug. So begabt. Ich habe dich unterwiesen, ich habe dich geformt. Du h?ttest Weisglut führen k?nnen.“

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  Ein Zucken ging durch sein Gesicht. Eine kurze, verletzte Erinnerung – nicht an Valeria als Kind, sondern an den Moment, in dem sie ihm entglitten war. An den Augenblick, in dem sie sich nicht mehr geformt anfühlte, sondern entschieden.

  ?Stattdessen vergeudest du dein Potential… an der Seite eines Mannes, der dein Licht nur verdunkeln wird.“

  Gustav atmete aus. Die Bitterkeit wich kalter Klarheit.

  Er hatte viele Dinge in seinem Leben kontrolliert. Menschen. Abmachungen. Geheimnisse. Aber Blut…

  Blut war die reinste Form von Kontrolle.

  Blut konnte man nicht verhandeln. Blut war Tradition. Blut war ein Gesetz, das nicht fragt, ob du es willst.

  ?Doch ein Enkelkind…“ sagte er leise.

  Ein einzelner Satz – und der Raum schien ihn zu akzeptieren, als w?re das die einzig logische Konsequenz.

  ?Das ist etwas anderes.“

  Er legte die Hand an den Runenstein neben dem Fenster.

  Ein leises Knacken, als würde Stein im Inneren aufbrechen.

  Die Kerzenflammen zitterten ein letztes Mal – und erloschen alle gleichzeitig.

  Dunkelheit verschluckte M?bel, Bücher, Pergamente. Nur die Runen blieben. Glimmend, wie Narben, die man nicht vergessen kann. Im Schatten schimmerte Gustavs Blick, als h?tte er selbst Licht in den Augen.

  ?Etwas, das sich formen l?sst.“

  Seine Stimme war ruhig. Fast sanft.

  Das machte sie schlimmer.

  ?Dieses Kind wird meine zweite Chance.“

  Ein kaltes Grinsen.

  Runenstein knisterte, Blitze sprangen – kurze, aggressive Impulse, die über die Wand liefen wie Nervenreize. Irgendwo hinter ihm klirrte Metall. Der Butler war unbewusst einen Schritt zurückgewichen.

  Gustav drehte sich halb um, als würde er mit einem unsichtbaren Publikum sprechen.

  ?In der Tat… gute Nachrichten.“

  Der Morgen d?mmerte über dem Anwesen von Wolfsklaue.

  Tau gl?nzte auf den Feldern, die Luft war frisch und klar. Irgendwo rief ein Vogel, und für einen Moment wirkte die Welt so harmlos, als h?tte sie nie gelernt, wie Blut riecht. Der kleine Wald am Rand des Grundstücks stand still, und das Licht fiel so freundlich durch die Bl?tter, als w?re ?Gefahr“ ein Wort, das nur in Büchern existiert.

  Doch schon jetzt hallte metallisches Klirren über den Hof.

  Krent und Diamant standen sich gegenüber. K?rper angespannt, Blicke scharf. Jeder Schlag war Routine. Jeder Schritt wie ein Tanz, den sie seit zwanzig Jahren kannten – nur, dass heute keine Wut darin lag. Keine Hast. Nur Arbeit.

  Krent führte die Zwillingsklingen in schnellen, sauberen Bahnen. Blaue Funken sprangen über die Schneiden, knisterten wie kurze Atemzüge aus Licht. Er griff an, als h?tte er eine Liste im Kopf: Tempo. Winkel. Abstand. Wiederholung.

  Diamant dagegen bewegte sich, als würde er nie gegen Stahl k?mpfen, sondern gegen Zeit. Ein Schritt zu früh, ein Zentimeter zur Seite, ein Handgelenk im richtigen Moment – und Krents Hieb lief ins Leere, ohne dass Diamant überhaupt ?blocken“ musste.

  Krent knurrte zwischen zwei Angriffen: ?Sag mal, Diamant… spielst du heute Babysitter?“

  Er deutete mit dem Kinn auf die Bank am Rand des Hofs.

  Dort sa? Smaragd.

  Beine baumelnd, H?nde auf den Knien, Augen hellwach. Sie folgte jeder Bewegung, als würde sie Klingen z?hlen. Neben ihr lag ein Holzklotz, der früher mal ein Spielzeug gewesen sein mochte – inzwischen aber eher wie ein Opfer aussah.

  Diamant grinste. ?Das nennt man Vaterschaft, Krent. Aber das verstehst du erst in ein paar Monaten.“

  ?Hmpf.“ Krent schlug zu. Diamant wich aus, so knapp, dass der Luftzug seinen ?rmel streifte. ?Ich trainiere, w?hrend du Windeln wechselst.“

  Diamant lie? Krents n?chsten Hieb abgleiten und tippte ihm gegen die Schulter. Nicht hart – nur genug, dass Krent zwei Schritte neu sortieren musste.

  ?Bitte.“ Diamant grinste breit. ?Ich erzieh dich doch schon seit zwanzig Jahren. Smaragd ist da das kleinere übel.“

  Krent hielt mitten in der Bewegung inne. ?WAS hast du gesagt?!“

  ?Du hast mich verstanden.“

  Krent stürmte vor. Die Zwillingsklingen wirbelten, Funken stoben. Diesmal war es keine Wut, sondern Trotz – dieser alte, vertraute Trotz, der eher nach Ich krieg dich schmeckte als nach Ich zerbreche.

  Diamant lachte, fing den ersten Angriff nicht ab, sondern lie? ihn vorbeiziehen. Beim zweiten drehte er sich nur halb weg. Beim dritten stand er pl?tzlich so, dass Krent sich selbst im Weg war.

  ?Du wirst langsamer“, sagte Diamant.

  ?Ich werde pr?ziser“, knurrte Krent und setzte nach.

  Smaragd klatschte begeistert in die H?nde. Ihr Lachen mischte sich mit dem Klang der Klingen. Sie kickte mit den Fü?en in die Luft, als würde sie den Rhythmus fühlen.

  ?Papa!“ rief sie.

  Diamant warf ihr einen Blick zu, der sofort weicher war als jeder Konter.

  Krent bemerkte es und grinste schief. ?Du guckst so, als h?tte sie gerade einen Drachen erschossen.“

  ?Sie ist gro?artig“, sagte Diamant v?llig ernst.

  ?Sie isst Dreck“, gab Krent zurück.

  ?Auch gro?artig.“

  Smaragd gluckste, als h?tte sie den Ton verstanden.

  Dann legte sie den Kopf schief. Ganz langsam. So, als würde sie nicht nur zuschauen, sondern überlegen. Als würde sie in ihrem kleinen Kopf die Bewegungen sortieren und sich fragen, ob sie das auch kann.

  Sie hob die Hand und machte eine ungelenke, kleine Bewegung – ein Versuch, Krents Klingenwirbel nachzuahmen. Ihre Finger zuckten, als würden sie etwas greifen, das nur sie sehen konnte.

  Ein leises Flackern.

  Die Luft neben ihr stolperte für einen Herzschlag, wie W?rme über einem Stein im Sommer. Nichts Explosives. Nichts Lautes. Eher ein kurzer Fehler in der Wirklichkeit.

  Und dann stand da… eine zweite Smaragd.

  Nicht wirklich ?stand“ – sie war einfach da. Als h?tte jemand das Kind noch einmal aus dem Raum ausgeschnitten und daneben wieder eingesetzt. Sauber. Perfekt. Ohne übergang. Das Licht fiel auf beide gleich. Beide hielten die H?nde auf den Knien. Beide schauten hellwach.

  Beide kicherten synchron.

  Krent und Diamant erstarrten so abrupt, dass sogar die Funken auf Krents Klingen einen Moment lang still zu stehen schienen.

  ??hm…“ Krent rieb sich die Augen. ?Hast du das gerade auch gesehen?“

  Diamant war todernst. ?Nein, Krent. Das war nur eine Sinnest?uschung.“ Ein Wimpernschlag. Dann verzog sich sein Mundwinkel. ?Natürlich hab ich das gesehen!“

  Die rechte – oder die linke?

  Smaragd lachte noch lauter.

  Dann lachte die andere ebenso.

  Und als w?re das nicht genug, klatschten beide gleichzeitig. Stolz wie ein K?tzchen, das seine erste Maus erwischt hat.

  Krent zeigte abwechselnd auf die eine und die andere. ?Okay. Okay, das ist…“

  ?Beeindruckend“, sagte Diamant.

  Und es klang nicht nur nach Spa?. Es war dieses kurze, sachliche Staunen, das er sonst nur hatte, wenn etwas Seltenes vor ihm lag. Ein Blick, der schon im Kopf anf?ngt, Daten zu sammeln.

  ?Sie hat gerade… eine Illusion erschaffen“, murmelte Krent, und sein Ton schwankte zwischen Lachen und Alarm. ?Mit achtzehn Monaten…“

  Smaragd kicherte.

  Beide kicherten.

  Und diesmal blieb es dabei: zwei perfekte Spiegelbilder, die sich über ihren eigenen Trick freuten, als w?re es das Normalste der Welt.

  Diamants Blick blieb einen Tick zu lange an ihnen h?ngen.

  Ein Kind, das so früh erwacht… das ist ein Segen. Aber auch ein Risiko.

  Er blinzelte – und der Moment war weg. Das Grinsen kehrte zurück, kleiner diesmal, kontrollierter.

  ?Gut“, sagte Diamant und hob die Hand wieder, als w?re er entschieden, die Welt erst sp?ter wieder ernst zu nehmen. ?Noch eine Runde.“

  Krent grinste. ?Diesmal ohne Beleidigungen.“

  ?Dann streng dich an.“

  Die Klingen trafen sich erneut.

  Funken sprühten, der Hof lebte wieder.

  Und Smaragd lachte weiter – doppelt so hell.

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